
Zur Vorweihnachtszeit wird landauf, landab gerne Ludwig Thomas „Hl. Nacht“ gelesen – die legendäre Herbergsuche von Maria und Josef, verlegt in eine verschneite bayerische Berglandschaft. Auch zwei lebensgroße, schwere Gipsfiguren des Lerchenauer Krippenkünstlers Otto Zehentbauer (1880–1961) – Maria mit dem Kinde und ein sich waschender Mann, vielleicht Johannes, der Täufer – müssen wieder auf Herbergsuche gehen, sprich deren Besitzer, der Bürgerverein Lerchenau, muss eine neue Unterkunft für sie finden. Vor rund zehn Jahren, als das wunderschöne, verwunschene Haus des Künstlers an der Lerchenauer Str. der Abrissbirne zum Opfer fiel, hatten Mitglieder des Vereins die letzten künstlerischen Reste aus dem einstigen Atelier Zehentbauers gerettet.
Hintergrund: Die Kirchenverwaltung von St. Agnes hat in ihrer letzten KV-Sitzung einstimmig, so war zu vernehmen, entschieden, dass die beiden Gipsfiguren von Otto Zehentbauer anderswo untergebracht werden müssen. Man sehe ihren künstlerischen Wert nicht, so ein KV-Vertreter. Sie seien nur aus Gips, lediglich Werkstücke, dazu beschädigt. Hässlich. Außerdem ständen sie, im Vorraum der Unterkirche von St. Agnes abgestellt, als Pfarrer Johannes Kurzydem ihnen seinerzeit, als sie nicht länger in einer Ecke der Mehrzweckhalle geduldet wurden, vorübergehend, wie Pfarrer Tobias Hartmann betont, „Kirchenasyl“ gewährte, im Fluchtweg. Eine Brandschutzbegehung habe dies gezeigt. Wackelig seien sie zudem, so war auch zu hören.
Der KV-Beschluss sieht vor, dass die beiden schweren Figuren bis Ende des Jahres abgeholt werden müssen. „Ansonsten“, so hieß es in dem Schreiben, werde man „die Figuren entsorgen“.
Völlig uninteressant: Christliche Kunst
Nun hat christliche Kunst in unserer heutigen säkularen bis multikulturellen Gesellschaft einen schweren Stand. 52 % der Münchner Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund und gehört damit zumeist einer anderen Glaubensgemeinschaft an. Und von den verbliebenen autochthonen Deutschen sind die wenigsten noch in einer der christlichen Kirchen – bei der Pfarrverbandsversammlung im November vergangenen Jahres war zu hören gewesen, dass in München heute gerade noch 24 % der Bevölkerung katholisch ist. Tendenz weiter abnehmend, so die erzbischöflichen Prognosen.
Das Schwinden der Gläubigen wird in den nächsten Jahren gravierende Auswirkungen auf das Bild von Städten und Dörfern haben. Denn wenn keine Gläubigen mehr da sind, die Kirchensteuer zahlen, und Priester sowieso nicht, was dann tun mit den zunehmend verwaisten Kirchen landauf, landab?
Bei einer Podiumsdiskussion, zu der das Ortskuratorium München der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) am Dienstag, den 25. November zum Thema „Kirche – quo vadis? Die Zukunft sakraler Bauten – Verantwortung von Kirche, Staat und Denkmalschutz“ im Jagd- und Fischereimuseum eingeladen hatte, war zu erfahren, dass in Bayern 50 % der Kirchen, Kapellen und Pfarrhäuser, rund 2.500 an der Zahl, „umgewidmet“ werden sollen. Man fertige derzeit Listen an, so war zu hören, aus denen die Wertigkeit zum Erhalt hervorgeht. Einst wurden ehemalige römische Markthallen zu Kirchen, nun werden Kirchen offensichtlich rückabgewickelt und zu Konzertsälen, Kulturzentren, Moscheen…??? Und was geschieht dann mit dem ganzen christlichen Inventar, das noch so zahlreich die prächtigen katholischen Kirchen ziert – Ausdruck jahrhundertelanger christlich-abendländischer Kultur?
Eine Lösung muss her
Dass nun aber sogar Gläubige ihre Heiligen „entsorgen“ wollen und dazu noch das Werk eines Lerchenauers – man muss es nicht verstehen. Weil die Kirchenverwaltung keine der Figuren in welcher Ecke von St. Agnes auch immer mehr stehen haben will, bemüht sich der Bürgerverein Lerchenau nun unter Hochdruck, einen neuen Standort für die beiden Figuren zu finden. Überlegt wird etwa, die Maria, die von Otto Zehentbauers Schwiegersohn Gerhard Schramm, um es diplomatisch zu umschreiben, nicht gerade professionell bemalt wurde, zunächst einmal in Feldmoching restaurieren zu lassen – dann hätte sie zunächst einen Unterschlupf in der Werkstatt gefunden. Findet sich kein anderes Plätzchen, hat Helmut Keßler, der Ehrenvorsitzende des Kulturhistorischen Vereins, versprochen, sie in seinem Lager aufzunehmen. Aber auch Pfarrer Hartmann teilte uns mit, dass man gerade versuche, einen anderen Ort der Unterbringung zu finden. In St. Johannes Evangelist könnte vielleicht der sich waschende Mann unterkommen – eine ausdrucksstarke, in sich versunken kauernde Figur, die wohl Johannes den Täufer darstellen soll, denn für griechische Götter, Helden, Dichter & Denker hatte Otto Zehentbauer Zeit seines Lebens wenig übrig und verfertigte auch so gut wie keine nichtchristlichen Figuren, so Karola Kennerknecht, die 1. Vorsitzende des Bürgervereins Lerchenau, die 2012 ein wunderbares, kenntnisreiches Buch über Otto Zehentbauer verfasste.
Kennerknecht war es auch, die bei der Auflösung des alten Zehentbauer-Ateliers, das Schwiegersohn jahrzehntelang bis zu seinem Tode liebevoll erhalten hatte, die restlichen Zehentbauer-Krippenfiguren, minutiös inventarisiert, in 25 Umzugskartons verpackte. Diese lagern bis heute bei einer Spedition in Unterschleißheim, immerhin in einem gut klimatisierten Lagerraum. Was aber eigentlich nicht Sinn der Sache ist, denn eigentlich sollten die Figuren schon Krippenfreunden zugänglich sein.
Es wäre doch eine lohnenswerte Aufgabe für den im März 2026 neu zu wählenden Bezirksausschuss, das noch greifbare Erbe des Lerchenauer Krippenkünstlers Zehentbauer, dessen Krippen immerhin im Dom zu München, zu Freising, Aachen und vielen weiteren Städten zu bewundern sind, der Allgemeinheit zugänglich zu machen und für eine Unterbringung in einem öffentlichen Gebäude des 24. Stadtbezirks zu sorgen. Angedacht war doch schon einmal der städtische Gewerbehof Nord an der Wilhelmine-Reichard-Str., dessen lange und breite Gänge, so war zu hören, durchaus Platz für Brandschutz-Glasvitrinen böten. Für die beiden lebensgroßen Figuren in St. Agnes – die Maria mit dem Jesuskind ist immerhin 1,90 m hoch und der ausdrucksstarke, in sich versunken kauernde Johannes der Täufer misst auch noch seine 1,30 m – kommt eine Vitrine allerdings nicht in Frage. Hier braucht es dringend eine andere Lösung.
Im Folgenden sehen Sie Bilder, kurz vor dem Abriss des Zehentbauerhauses im Atelier aufgenommen, sowie Aufnahmen von den beiden betroffenen Figuren. Die Maria wurde – leider – von Otto Zehentbauers Schwiegersohn Gerhard Schramm, der sich Zeit seines Lebens sehr liebevoll um den Nachlass kümmerte, nicht ganz professionell bemalt.




























