Die Stadt München untersucht derzeit, in welchem Umfang der Münchner Norden städtebaulich weiterentwickelt werden kann. Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie hatte dazu im November 2024 eine Ideenwerkstatt stattgefunden, bei der fünf Planungsteams unter Einbeziehung der Öffentlichkeit Ideen entwickelt hatten. Ein Expertengremium zur Ideenwerkstatt hat vergangenen Freitag einstimmig (9:0) für den überarbeiteten Entwurf des Teams „CITYFÖRSTER // ARGUS // freiwurf LA“ mit dem Titel „Grünes Forum – Münchner Norden“ als Vorzugsvariante ausgesprochen, die als Basis für die Machbarkeitsuntersuchung empfohlen wird.
Überzeugt hat das Gremium nach eigenem Bekunden „der sparsame Umgang mit Flächen sowie die Wahl einer angemessenen räumlichen Dichte“. Insgesamt sehen die Experten den Entwurf als ein weiterentwickeltes Konzept, das „sensibel“ auf die örtlichen Gegebenheiten sowie auf alle fachlichen Belange eingehe und zudem räumliche Qualitäten vorschlage. Darüber hinaus würdigt das Gremium, dass die Überarbeitung des Entwurfs einen Bezug zur landschaftlichen Setzung aus Moos und Heide beinhaltet, der aus dem Kontext und dem Bestand des Ortes entwickelt sei.
Gremiumsvorsitzender Professor Dr. Stefan Kurath: „Der Entwurf von ‚CITYFÖRSTER // ARGUS // freiwurf LA‘ zeigt, wie mit vielen kleinen Schritten und differenzierten Lösungen die vorhandenen Herausforderungen und Probleme im Zuge einer Entwicklung im Münchner Norden bewältigt werden können. Das Gesamtkonzept hat uns damit überzeugt, dass es sowohl Potentiale für Siedlungsentwicklung herausarbeitet als auch einen erheblichen Mehrwert für den Bestand und die Anwohner vor Ort bietet.“ Das Konzept des Teams ‚CITYFÖRSTER // ARGUS // freiwurf LA‘ sieht drei Potenzialflächen für eine Siedlungserweiterung: zwei urbane Quartiere im Anschluss an Feldmoching und Ludwigsfeld sowie ein landschaftlich geprägtes Quartier nördlich der Fasanerie. Feldmoching-Nord/ West, das Obermoos und die Schrederwiesen bleiben aufgrund ihrer landschaftlichen Wertigkeit unbebaut. Die neuen Quartiere knüpfen an den Bestand an, Freiräume sollen als verbindende Räume fungieren. Bausteine der Nahversorgung sowie neue soziale und bildungsbezogene Einrichtungen sollen neben einem breiten Wohnungsangebot mit vielfältigen Typologien Perspektiven auch für die heutige Bewohnerschaft schaffen.
Das Mobilitätskonzept soll die Bestandsquartiere durch die Priorisierung des Umweltverbundes aus Tram, Bus, Rad und Fuß stärken (wie gut das funktioniert, sieht man gerade in Freiham, Anm. d. Red.). Die „Landschaftstram“ soll Quartiere und Freizeitziele mit dem überregionalen ÖV-Netz verknüpfen. In den kompakten Quartieren sollen Angebote wie Carsharing, Bikesharing und Micro-Carrier Wahlfreiheit schaffen. Das Landschaftskonzept soll die Produktivität der Moos- und Heidelandschaft über Parkmeilen und ein feinmaschiges Wegenetz erschließen. Seen, Alleen und Uferrandstreifen sollen Kontinuität und Orientierung stiften. Der Umgang mit Niederschlags- und Grundwasser soll zum strategischen Baustein einer koproduktiven Landschaftsentwicklung – mit Retentionsräumen, Grauwassernutzung, bodenschonender Bewirtschaftung und Wiedervernässung – werden.
Der nächste Schritt im Planungsprozesses ist die Finalisierung der Machbarkeitsstudie, die die Chancen und Grenzen einer Entwicklung ausloten soll. Auf deren Grundlage wird der Stadtrat 2027 beschließen, ob und wie eine Siedlungs- und Freiraumentwicklung weiterverfolgt wird.
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Stadtrat Dirk Höpner, der auch am zweitägigen Treffen des Expertengremiums teilnahm, hat am Montag, den 19. Januar im Stadtrat folgende Anfrage bezüglich Transparenz zu Einwohner-, Wohnungs- und Arbeitsplatzannahmen der fünf Entwürfe der Ideenwerkstatt „Münchner Norden / SEM München Nord“ (inkl. Siegerentwurf) gestellt. Er fordert die Offenlegung der Aufgabenstellung und Infrastrukturvorgaben.
„Im Rahmen der Ideenwerkstatt „Münchner Norden“ wurden am 15.01.26 und am 16.01.26 fünf Entwürfe bewertet. Für eine stadträtliche Bewertung ist es zwingend erforderlich, die quantitativen Grundannahmen zu kennen – insbesondere Wohnungen/Wohneinheiten, Einwohner (bzw. Bandbreiten), Arbeitsplätze sowie die daraus abgeleiteten Infrastruktur- und Verkehrsbedarfe (ÖPNV, Straßennetz, Schulen/Kitas, soziale Infrastruktur).
Trotz wiederholter Nachfragen wurden dem Stadtrat keine belastbaren Angaben dazu gemacht, mit wie vielen Einwohnern in den jeweiligen Teilräumen/Entwürfen zu rechnen ist. Gleichzeitig wird auf städtischer Informationsseite sinngemäß erklärt, das Expertengremium habe sich in diesem Stadium „noch nicht auf mögliche Einwohnerzahlen festlegen“ können.
Das mag für eine politische Festlegung gelten – nicht aber für die Offenlegung der Arbeitsannahmen, mit denen Planungsteams arbeiten (müssen), und erst recht nicht für die Bewertung durch den Stadtrat.
Zudem tauchen in städtischen Unterlagen zumindest punktuell konkrete Größenordnungen auf – etwa die Aussage „900 ha = 220 ha = ca. 13.000 Wohnungen“. Wenn solche Zahlen kursieren, ist es nicht akzeptabel, dass der Stadtrat parallel dazu im Unklaren gelassen wird. Diese Kennziffern bilden das Gerüst für Verkehrsplanung, ÖPNV-Ausbau, Bildungs- und Sozialinfrastruktur und haben direkte finanzielle Auswirkungen.
Ich frage daher die Stadtverwaltung:
1. Kennzahlen je Entwurf (alle fünf Planungsteams, inkl. Siegerentwurf)
1.1 Welche quantitativen Annahmen liegen für jeden der fünf Entwürfe vor zu:
a) Anzahl Wohneinheiten/Wohnungen,
b) daraus abgeleitete bzw. angenommene Einwohnerzahl
c) Anzahl Arbeitsplätze (nach Nutzungsarten, soweit vorhanden),
d) Bruttobauland / Nettobauland, Dichten (z. B. WE/ha),
e) voraussichtliche Geschossflächen (Wohnen/Gewerbe), zumindest im Durchschnitt.
1.2 Falls die Stadtverwaltung mitteilen sollte, solche Kennzahlen lägen nicht vor: Wie ist es möglich, dass städtebauliche und verkehrliche Konzepte (u. a. Trassen, Knoten, Quartierszuschnitte) erarbeitet und verglichen wurden, ohne dass dafür Einwohner-/Nutzungsdichten als Arbeitsgrundlage zumindest grob angesetzt wurden?
1.3 Welche Kennzahlen wurden für den Siegerentwurf intern zur Plausibilisierung, Vorprüfung oder zur Bewertung herangezogen (auch wenn sie nicht veröffentlicht wurden)?
2. Aufklärung zu veröffentlichten/kolportierten Zahlen
2.1 Die Stadt wird um Stellungnahme gebeten: Auf welcher fachlichen Grundlage beruht die in städtischen Unterlagen dokumentierte Größenordnung „… ca. 13.000 Wohnungen“ im Kontext „900 ha = 220 ha = ca. 13.000 Wohnungen“?
a) Bezieht sich diese Zahl auf den gesamten Untersuchungsraum, auf die 220 ha Entwicklungsfläche oder auf konkrete Teilräume?
b) Welche Einwohnerzahl ergibt sich daraus nach städtischer Standardbelegung (bitte Belegungsfaktor nennen)?
c) Welche Arbeitsplatzannahmen sind damit verknüpft (falls vorhanden)?
2.2 Welche weiteren konkreten Einwohner-/Wohnungs-/Arbeitsplatzzahlen wurden im Rahmen der Ideenwerkstatt, Vorprüfung oder internen Begleitung verwendet, sind aber nicht an den Stadtrat kommuniziert worden?
3. Aufgabenstellung und Vorgaben an die Planungsteams (Transparenzpflicht)
3.1 Welche verbindlichen Vorgaben (Briefing, Aufgabenstellung, Leitplanken) hatten die Planungsteams – insbesondere zu:
a) Zielkorridoren für Wohnungs-/Einwohnerzahlen,
b) Zielkorridoren für Arbeitsplätze und Nutzungsdurchmischung,
c) Annahmen zur Dichte und zum Flächenverbrauch,
d) Mindestanforderungen an ÖPNV-Erschließung (Trassen, Kapazitäten, Priorität „Infrastruktur vor Bebauung“),
e) Anforderungen an MIV-/Rad-/Fußverkehr (Netz, Knoten, Querungen),
f) Anforderungen an soziale Infrastruktur (Kitas, Schulen, Sport, Gesundheit, Nahversorgung) – inklusive Dimensionierungslogik.
3.2 In welcher Form wurden diese Vorgaben dokumentiert (z. B. Auslobung/Briefing/Leistungsbeschreibung, Protokolle, Q&A an die Teams)? Wann und wo wurden diese Dokumente dem Stadtrat zur Verfügung gestellt – und falls nicht: warum nicht?
3.3 Welche Bewertungskriterien (Gewichtung/Matrix) wurden bei der Vorprüfung angewandt? Bitte vollständig offenlegen (inkl. ggf. verwendeter Scoring-Tabellen, Prüfschemata, Vorprüfbericht, Beurteilungsbögen).
4. Infrastrukturfolgen und Kosten-/Kapazitätslogik
4.1 Welche infrastrukturellen Dimensionierungen wurden (auch überschlägig) je Entwurf geprüft oder angenommen für:
a) ÖPNV-Kapazitäten und -Ausbau (Tram/U-Bahn/S-Bahn, Takte, Betriebskonzepte),
b) Straßennetz und Knoten (inkl. Bahnübergänge/Querungen),
c) Schulen/Kitas (Bedarfsermittlung, Standorte, zeitliche Abfolge),
d) sonstige soziale Infrastruktur (Sport, Kultur, Gesundheit, Nahversorgung).
4.2 Wurde bei irgendeinem Entwurf geprüft oder angesetzt, dass zuerst ÖPNV-/ Verkehrsinfrastruktur bereitgestellt werden muss, bevor substanzielle Wohnbebauung erfolgt? Wenn ja: mit welcher Zeit- und Umsetzungslogik?
5. Sofortige Bereitstellung der Unterlagen an den Stadtrat
Die Stadtverwaltung wird aufgefordert, dem Stadtrat unverzüglich und vollständig (digital, ohne Schwärzungen außer rechtlich zwingend) bereitzustellen:
a) sämtliche Briefings/Auslobungsunterlagen/Leistungsbeschreibungen,
b) alle Zwischenstände/Protokolle, die Kennzahlen (WE/EW/AP) enthalten,
c) Vorprüfunterlagen und Bewertungsmatrix,
d) alle Unterlagen, die die verkehrliche und soziale Infrastrukturdimensionierung je Entwurf betreffen.
Erwartung an die Beantwortung
Die Anfrage ist so zu beantworten, dass der Stadtrat die fünf Entwürfe vergleichbar bewerten kann. Allgemeine Formulierungen („konnte noch nicht festgelegt werden“) sind nicht ausreichend, wenn gleichzeitig Arbeitsannahmen existieren oder existiert haben müssen. Die Verwaltung hat die Pflicht, ihre Arbeitsgrundlagen transparent zu machen.














Johannes Günther meint
Die überarbeiteten Entwürfe sind mittlerweile auf der Seite von der Ideenwerkstatt zu finden.
https://stadt.muenchen.de/dam/jcr:630bacf5-2d85-4543-8fc2-164ffce29598/Vorpruefbericht%20zur%20Zweiten%20Gremiumssitzung_Ideenwerkstatt%20Muenchner%20Norden.pdf
Eine alternative Anbindung für den BMW Tunnel wird jetzt auch bei den Konzepten berücksichtigt.
Mal schauen, ob wir einen Tunnel unter dem Feldmochinger Anger bekommen welcher durch die SEM finanziert wird…
Johannes Günther meint
Kann man diesen überarbeiten Sieger Entwurf auch irgendwo sehen? Oder wird es hierzu eine Infoveranstaltung geben?
Die Unterlagen auf der Seite von der Ideenwerkstatt sind anscheinend alle aus 2024 und ohne die gewünschten Änderungen von dem Expertengremium.