Kirchenmusiker Carl Seebode, der inzwischen in St. Fronleichnam im Stadtteil Hadern die Orgelpedale tritt, hat sich für den Herbst und Winter ein kreatives neues Projekt im und für den 24. Stadtbezirk vorgenommen. Er möchte mit einem Projektchor zwei Werke des Komponisten Grétry erarbeiten und im April 2027 im Kulturzentrum 2411 sowie im Augustinum zur Aufführung bringen – gemeinsam mit einem kleinen Orchester und Solisten. Dafür sucht er engagierte Sängerinnen und Sänger.
Grétry wer? Grétry was? André-Ernest-Modeste Grétry ist heute im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Haydn und Mozart nahezu vergessen und wird kaum noch gespielt. Im ausgehenden 18. Jahrhundert jedoch gehörte er zu den maßgeblichen Komponisten Frankreichs, der viele große Opern schrieb und die Opéra comique entscheidend prägte. In diesem Zusammenhang hat ihn der Doktorand der Musikwissenschaft auch kennen und schätzen gelernt.
Grétry schrieb anfangs für den französischen Hof, landete zum Glück nicht unter der Guillotine und erzielte auch nach der Französischen Revolution noch einige Achtungserfolge. Er verfasste Memoiren mit kunstästhetisch interessanten Ausführungen und förderte – in diesem Sinne war er richtig modern – den Kompositionsdrang seiner Tochter Lucile. Ja, er empörte sich in seinen Aufzeichnungen sogar darüber, dass Frauen auf dem Kunstmarkt so viele Steine in den Weg gelegt würden.
Wie viele französische Komponisten liebte Grétry den großen melodischen Stil. In den beiden Werken, die Kirchenmusiker Seebode ausgewählt hat, gibt es sehr viele schöne melodische Passagen. Sie seien zudem nicht so schwierig wie manch anderes Werk, das er in den letzten Jahren mit den Pacem-Kirchenchören erarbeitet habe (sagt zumindest der Chorleiter). Gemeinsam ist beiden Stücken, dass sie echte Raritäten und inspirierende Vertonungen sind, die es nun zu heben gilt.
Zwei unbekannte Werke: Mal geistlich, mal weltlich
„Confitebor“ ist ein geistliches Werk, wie der lateinische Name verrät. „Ich werde bekennen“ oder „ich werde preisen“ – in der kirchlichen Liturgie ist dieser Text, der auf Psalm 111 (110) basiert, fester Bestandteil der feierlichen Vesper an Sonn- und Feiertagen. Musikalisch vertont haben ihn von Monteverdi über Mozart bis Rheinberger viele. Auch Grétry, der das Werk 1762 während seines Kompositionsstudiums in Rom schrieb.
Sein „Confitebor“ ist etwa 20 Minuten lang und charakterlich facettenreich: mal spritzig, mal seelenvergnügt, mal prächtig, mal archaisch anmutend, aber immer mit einem lächelnden Charme. Weil es davon keine gedruckte Ausgabe gibt, hat der Kirchenmusiker die 164 Seiten der handschriftlichen Partitur in den vergangenen Wochen erst einmal selbst mühevoll abgeschrieben und digitalisiert. Hin und wieder wird Grétrys „Confitebor“ aufgeführt; es existiert immerhin eine professionelle Einspielung.
Werk Nr. 2, Grétrys komische Oper „Amphitryon“, wurde hingegen im Jahr 1788 in Paris mit Sicherheit das letzte Mal aufgeführt. Seitdem erklang sie nie wieder. Ihre Premiere feierte sie zwei Jahre zuvor am Hof von Versailles. Weil sie beide Male kein großer Erfolg war, landete die Oper danach in der Schublade. Verbittert über den doppelten Flop nahm Grétry sie noch nicht einmal in sein Werkverzeichnis auf. Musikwissenschaftler Seebode hat eine Erklärung für den Misserfolg, denn inhaltlich wie musikalisch sei „Amphitryon“ kongenial, witzig und absolut hörenswert.
Der Inhalt der Oper – das Libretto basiert auf Molières Adaption der gleichnamigen antiken Komödie von Plautus – amüsierte den französischen Hof verständlicherweise nicht besonders. Zu nahe lag es, den unersättlichen Göttervater Jupiter, der in der Oper die Gestalt von Amphitryon annimmt – einem mit Glanz und Gloria siegreich heimkehrenden Feldherrn –, um dessen Frau Alkmene zu vernaschen, mit dem absolutistisch herrschenden und exzessiv lebenden französischen König Ludwig XVI. gleichzusetzen. Und für die verarmten, hungernden Pariser war die Oper 1788 – ein Jahr vor dem Sturm auf die Bastille und dem Beginn der Französischen Revolution – einfach zu höfisch und zu dekadent.
Die Chöre etwa preisen wortgewaltig die Tapferkeit des absolutistisch agierenden Amphitryon, der im Grunde doch nur ein gehörnter Ehemann war.
Der Projektchor wird natürlich nicht die ganze Oper einstudieren, sondern ein charmantes „Best-of“ mit einigen lustigen Szenen. Praktischerweise gibt es von der Oper eine gedruckte Ausgabe, wenngleich diese gut 100 Jahre alt ist. Der Musikverlag Breitkopf & Härtel hatte seinerzeit anlässlich von Grétrys 100. Todestag im Rahmen eines monumentalen, jahrzehntelangen Projekts von 1884 bis 1936 eine Gesamtausgabe seiner Werke in 49 Bänden erstellt.
Immer wieder sonntags im Kulturzentrum 2411
Geprobt wird ab Mitte Oktober jeweils sonntags von 18 bis 19.30 Uhr. Die exakten Termine für 2026 stehen bereits fest: 18. und 25. Oktober, 1., 8., 15., 22. und 29. November sowie 6. und 13. Dezember. Eine Anwesenheit bei absolut jeder Probe ist natürlich nicht zwingend erforderlich, solange der Chor insgesamt singfähig bleibt. Die Proben finden in den Räumlichkeiten des Kulturzentrum 2411 statt und sind bequem per U-Bahn oder Bus erreichbar.
Damit der Musiker die finanziellen Risiken des Projekts nicht ganz alleine stemmen muss – für die Konzerte werden schließlich ein kleines Orchester und vier Solisten zur Unterstützung engagiert –, wird eine einmalige Teilnahmegebühr von 80 Euro erhoben. Doch zunächst kann jeder erst einmal unverbindlich reinschnuppern. Wem die Probe gefällt und wer bleiben möchte, ist herzlich willkommen – ob erfahrener Chorsänger oder Neuling. Der Musiker hofft, seine Begeisterung für Grétry bei der gemeinsamen Arbeit weitergeben zu können. Die Wiederaufführung dieser Werke soll zwar durchaus niveauvoll werden, aber vor allem soll das Projekt den Sängerinnen und Sängern Spaß machen.





















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