Wer gestern Abend voller Schrecken die Nachricht vom plötzlichen Tod Hubert Aiwangers in Berlin vernahm, wird sich vielleicht noch an dessen Besuch in Feldmoching am 6. Juni 2018 erinnern, als der Frontmann der Freien Wählern wortgewaltig die Serie von Hofgesprächen eröffnete. Heimatboden, eine überparteiliche Bürger- und Landwirte-Initiative, hatte das Format der „Hofgespräche“ seinerzeit initiiert im Abwehrkampf gegen die SEM. Im Folgenden der unveränderte Bericht von damals, erschienen in Ausgabe 12/2018, samt einigen Fotos.
Wegen eines Gewitters samt ausgiebigem Landregen wurde das erste Hofgespräch, organisiert von der Initiative Heimatboden, am Mittwoch, den 6. Juni mit den Freien Wählern zwar kurzerhand umgewidmet zu einem Hallengespräch zwischen Traktoren und anderem landwirtschaftlichen Gerät. Haupt-/Festredner Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, war trotzdem in seinem Element. Er sprach den gut 250 Anwesenden so richtig aus der Seele: Felder und Äcker seien keine Verfügungsmasse, Bauernhöfe sollten auch innerhalb von München erhalten bleiben.
Hubert Aiwanger kam pünktlich (er hatte sich aus einer Landtagssitzung losgeeist und fuhr, nach einer stärkenden Brotzeit, wieder dorthin), witzelte, er habe den Regen mitgebracht und legte nach kurzen Begrüßungsreden von Heimatboden-Sprecher Josef Glasl und Hausherrn Tobias Angermeir gleich los.
„Das ist Heimat, das ist Boden. Das gilt es zu schützen“
Aiwanger beglückwünschte zunächst Heimatboden, weil die Initiative genau das Richtige getan habe: sich zur Wahlzeit zu organisieren. Denn die Rücknahme der SEM Nord, da ist sich Aiwanger sicher, sei nur der bevorstehenden Landtagswahl und den aufkeimenden Kommunalwahlen 2020 geschuldet. Wiewohl die SEM an diesem Tag schon offiziell vom Tisch war, zumindest in Feldmoching, bezog Aiwanger kräftig Stellung dagegen: Man lebe immer noch in Bayern und nicht in der DDR, so dass es unerträglich sei, wenn eine kaltschnäuzige Verwaltung mit Enteignung drohe. SEM, das klinge wie ein giftiges Spritzmittel. Das Land der Bauern sei keine Verfügungsmasse, keine Baulandreserve, weil man „nur“ Getreide und Kartoffeln anbaue. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit könne man den Vorgarten, den englischen Rasen und die Rosen eines Hausbesitzers überplanen und kleine Häuschen wegräumen.
Aiwanger warnte die Anwesenden: Auch wenn Kosmo (siehe Seite 3) nun etwas geschmeidiger klinge und man dem Bauern nun 10 oder 20 Euro mehr für den Quadratmeter zahlen wolle, solle man sich ja nicht auseinanderdividieren lassen. Die Stadt wolle weiter Feldmoching großflächig zubauen. Doch was hätte man mit 20.000 oder selbst 50.000 neuen Anwohnern gewonnen? Der Siedlungsdruck ginge weiter. Deshalb ist Aiwanger auch gegen das Bauen gemäß Sobon, weil es dann nur noch Einheitsbrei und keine gegliederte Landschaft mehr gebe.
„Bei 1,8 Mio. Einwohnern ist die absolute Wachstumsgrenze“
Aiwanger sprach im Weiteren nicht nur den Anwesenden in der Halle, sondern gewiss ganz vielen Münchnern in anderen Stadtvierteln aus der Seele, als er die Stadtentwicklung der letzten Jahrzehnte insgesamt rügte, die viel zu lange schon in Händen von Investoren liege, die Druck auf Verwaltung und Politik ausübten. „Soll München auf 2 Mio. Einwohner wachsen? Sind wir dann glücklicher? Haben wir dann mehr Lebensqualität?“ München sei heute schon die am dichtesten bebaute Stadt, Hamburg und Berlin viel grüner. Sei das städtische Stau-Milieu etwa schön? Das sage einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass solche Lebensquellen wie die Gebiete SEM Nord und Nordost erhalten werden müssten. München brauche seine grüne Lunge, doch was tue die Stadtverwaltung? Sie baue gerade die in früheren Jahren klug angelegten Frischluftschneisen zu. Dabei habe München sowieso nicht mehr viele Grünflächen. Aiwanger hält München heute für groß genug und bei 1,8 Mio. Einwohner sieht er die absolute Wachstumsgrenze. Sonst büßten die Einwohner, die jetzt schon da seien, nur massiv an Lebensqualität ein. Noch habe München eine halbwegs funktionierende Struktur, noch einen Restbesatz an traditioneller Bevölkerungsstruktur, noch einen Rest an gesundem Menschenverstand.
Gleiche Lebensqualität in Stadt und Land
München braucht deshalb nach Ansicht von Aiwanger auch keine 3. Startbahn, das ziehe wieder nur 50.000 Angestellte mehr mit ihren Familien nach München, nur damit ein paar Asiaten mehr in München umsteigen könnten auf ihrem Weg nach den USA und in den Flughafenshops Parfum und sonstigen Krempel kauften. Das bringe den Münchnern nicht mehr Lebensqualität.
Aiwanger sprach sich einerseits dafür aus, die Bauernhöfe in der Stadt zu erhalten, ja diese zu schützen und zu stärken, indem man die regionale Produkterzeugung ausbaut. Und andererseits sollten künftig mehr Firmen und damit Arbeitsplätze raus aufs Land. Mit schnellem Internet, mit Kitas und sonstiger Grundversorgung sei dies möglich. Es gehe doch nicht an, dass die Münchner, aber auch die Einwohner anderer Städte, ihre Lebensqualität immer mehr einbüßten, während die Oberpfalz und Oberfranken, Wunsiedel & Co. zu Defizitlandkreisen erklärt würden. Man solle die letzten Äcker in München erhalten und dafür Entwicklung auf dem Land zulassen und nicht nur die ökologische Seele nach draußen pflegen (gemünzt auf einen möglichen dritten Nationalpark).
Piazolo: Massiver Wohnungsbau lässt Mieten erst steigen
Landtagsabgeordneter Michael Piazolo rief Heimatboden auf, weiter für die Rücknahme auch der SEM Nordost zu kämpfen, wie er Heimatboden dazu ermunterte, sich mit den über 30 Bürgerinitiativen in der Stadt zu vernetzen, um gemeinsam mehr Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen zu können. Professor Piazolo erklärte, dass die Stadtpolitik einen grundsätzlichen Denkfehler mache, wenn sie baue, baue, baue. Mit dem ständigen Neubau von immer teureren Wohnungen würden auch die (Miet-)Preise in den Nachbargebieten steigen. Seine Empfehlung: entschleunigen. Dann bleiben auch die Mieten eher stabil. Außerdem sei die Stadtspitze in den letzten Jahrzehnten ihrer Verantwortung nicht nachgekommen und habe die Sozialwohnungen, die aus der Bindung liefen, nicht ersetzt. Die städtische Gewofag erhöhe ständig die Miete und an der Freisinger Landstraße habe die Stadt es versäumt, ein großes Grundstück zu kaufen. Nun hätten die Anwohner Angst, dass mit den Plänen des Investors auch die Preise in der Umgebung steigen.
Kraus: „Je mehr gebaut wird, desto mehr kommen die Leut“
Landwirt Nikolaus Kraus aus Ismaning, seit über 20 Jahren im dortigen Gemeinderat und seit 2013 Landtagsabgeordneter, stieß ins gleiche Horn, als er sagte, je mehr man baue, desto mehr kommen die Leut. Er habe sich deshalb einen Spruch des langjährigen Ismaninger Bürgermeisters Michael Sedlmair zu eigen gemacht, wonach sich die Qualität einer Gemeinde darin zeige, was sie an freien Flächen nicht zubaue.
SEM Nordost: Stadt plant über die Köpfe der Grundeigentümer
Wie grundsätzlich falsch derzeit die Stadtpolitik läuft, davon berichtete Barbara Oberfranz, deren Mann mitten im SEM-Nordost-Gebiet einen Bauernhof betreibt und die aus einem Hochglanzprospekt erfahren durfte, dass die künftige U-Bahnhaltestelle genau dort stehen soll, wo die Familie eine Halle hat. Ihre Kinder würden angesprochen, dass der Papa schuld sei, weil er verkauft habe. Dabei habe er gar nicht verkauft, vielmehr informiere die Stadt falsch.



















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